Textatelier
BLOG vom: 16.01.2010

Haitis Schicksalsschläge: US-Aufmarsch nach dem Erdbeben

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Einzelne Menschen werden vom Pech verfolgt, und es gibt auch Länder, denen das genau gleiche Schicksal widerfährt. Haiti (= bergiges Land) ist eines davon. Das grauenhafte Erdbeben vom 12.01.2010, dessen Ausmass noch gar nicht überblickt werden kann, ist nur der letzte Paukenschlag in der Serie von Schicksalsschlägen. 2008 fegten schwere Tropenstürme über die Insel hinweg. Wie konnte es dazu kommen, dass dieses Land, das Kaffee, Zucker, Bauxit, Sisal, Kakao und Kupfer ausführen kann – die Bodenschätze halten sich allerdings in begrenztem Rahmen –, zum ärmsten Land der westlichen Hemisphäre werden konnte?
 
Massakrierende Spanier
Das Elend auf der mittelamerikanischen Karibikinsel Hispaniola (= die Spanische), auf der auch die Dominikanische Republik liegt, begann 1492 mit der Ankunft von Christoph Kolumbus. Anschliessend wurde die (zugewanderte) Urbevölkerung, die Arawak-Indianer, friedliche, anmutige Leute, die den Fremden mit allen Zeichen von Freundschaft und Ergebenheit begegneten, ausgelöscht. Sie wurden von den frommen Spaniern zu Tode geschunden, versklavt, in den Selbstmord getrieben oder umgebracht, wenn sie sich nicht unterordnen wollten – in der gesamten Karibik spielte sich zu jener Zeit ein furchtbarer Völkermord ab. Die habgierigen, auf schnellen Reichtum bedachten Konquistadoren kannten keine Gefühle, keine Gnade.
 
Zu Kolumbus’ Zeiten lebten auf Hispaniola, der zweitgrössten der Westindischen Inseln, nach verschiedenen Schätzungen 100 000 bis 300 000 Menschen. Sie wurden fast vollständig umgebracht, ausgerottet. Diese Insel diente den Eroberern aus dem christlichen Europa als Zentrum für die Besiedlung der Karibik und für weitere Plünderungen in der näheren und weiteren Umgebung. Das mörderische Verhalten der Spanier trug allerdings den Samen des eigenen Niedergangs in sich. Die Arbeitskräfte waren im Jenseits, fehlten, und die edlen Spanier wollten sich selbstverständlich nicht in die Niederungen der harten Alltagsarbeit begeben. Daraus entstand ein Machtvakuum, und mit dem Ende des 16. Jahrhunderts war die spanische Vorherrschaft erloschen. Franzosen und vor allem Engländer wie Francis Drake, John Hawkins und Walter Raleigh begannen mit dem Plündern von Hafenstädten und dem Kapern spanischer Schiffe, die mit Schätzen beladen waren, welche in Peru und Mexiko erbeutet worden waren. Nach dem Sieg der englischen Flotte über die spanische Armada (1588) und dem Ende der Religionskriege in Frankreich (1598) hatten die aufsteigenden europäischen Grossmächte wieder hinreichend Kapazitäten, um die ehemals spanischen Überseebesitzungen an sich zu reissen. Die Niederländer hatten sich in der Karibik zum Beispiel mit der 1621 gegründeten Westindischen Handelskompanie bereits breitgemacht; Piet Heyn gelang es, 1628 vor Havanna die gesamte spanische Silberflotte zu kapern. Die zusätzliche Schwächung der Spanier begünstigte das Nachrücken der Engländer und Franzosen.
 
Beutegierige Engländer und Franzosen
Die Engländer verzeichneten relativ wenig Erfolge, von Jamaika abgesehen, das kaum befestigt und leicht einzunehmen war. Für die Franzosen, welche sich der Hilfe von Kardinal Richelieu erfreuten, lief die Sache besser. Armand-Jean I. du Plessis de Richelieu gründete 1635 die Compagnie des Iles d’Amériques und ermöglichte dadurch beständige Siedlerkolonien auf Martinique und Guadeloupe. Sie dienten als Stützpunkte für die weitere Expansion – auch in Richtung Saint-Domingue, dem heutigen Haiti. Der karibische Raum wurde von der Siedlungs- zur Ausbeutungskolonie; die Plantagenwirtschaft wurde ausgebaut: Zuckerrohr. Als Arbeitskräfte wurden schiffsladungsweise Sklaven aus Afrika herbeigeschafft, wobei etwa jeder 6. bereits auf der Überfahrt starb. Zur Kaste der Sklaven gehörten auch die in Amerika geborenen Afroamerikaner und Mulatten. Die Kaste der Weissen unterteilte sich je nach wirtschaftlicher und politischer Macht. Zuoberst standen die Adligen und Plantagenbesitzer. Ihnen folgten die höher Rangierten aus Armee, Verwaltung und Handel, sodann die freien Berufe.
 
Mit dem 19.Jahrhundert setzte der Niedergang der Sklavenhaltergesellschaften ein: Sklavenaufstände, Zersplitterung in der weissen Führungsschicht, Verbot der Sklaverei waren die Ursachen. Die Zuckerrohrplantagen verwilderten. Der ehemalige Sklave Toussaint Louverture kämpfte 1791 bei Leocan erfolgreich gegen die französischen Kolonialherren und rief die Republik aus. Er teilte die Macht nach Hautfarben auf. Weisse setzte er in Wirtschaft und Verwaltung ein, freie Schwarze erhielten die Befehlsgewalt über die Armee, und die ehemaligen Sklaven wurden zu bezahlten Regierungsangestellten, ein Fortschritt immerhin. Napoleon schickte 1802 Charles Le Clerc mit 60 000 Soldaten nach Haiti, um es zurückzuerobern. Er lockte Toussaint in eine Falle, nahm in fest, deportierte ihn nach Frankreich, wo er in einem Gefängnis starb. Le Clerc seinerseits starb in Haiti am Gelben Fieber, wie auch viele seiner Soldaten, und die Franzosen mussten 1803 gedemütigt abziehen. Saint-Domingue erklärte am 01. 01.1804 unter dem Namen Haiti die Unabhängigkeit von Frankreich. Jean-Jacques Dessalines, Toussaints Nachfolger, ebenfalls ein ehemaliger Sklave, liess sich als Jacques I. zum Kaiser krönen, empfand für die Weissen nur blinden Hass und liess 3000 europäische Siedler abschlachten, auch Frauen und Kinder. Dessalines wurde 1806 von Mulatten und schwarzen Grossgrundbesitzern umgebracht, welche die eigenen Pfründe retten wollten.
 
Der Inselstaat kam nicht zur Ruhe. Unter dem Schwarzen Henri Christophe, einem Despoten, kam es zu einem Bürgerkrieg, und erst als sich Christophe 1820 mit einer goldenen Kugel erschoss, konnte die territoriale Einheit von Haiti wiederhergestellt werden. Das Land, die „erste Negerrepublik der Welt“, aber verödete. Das Militär randalierte; mit der Dominikanischen Republik herrschten Spannungen. Für den Zuckerrohranbau wurden Asiaten, vor allem Inder, ins Land geholt, doch es gelang nicht, die Produktivität der Landwirtschaft zu verbessern. Das Land verarmte zusehends.
 
Der „Yankee-Imperialismus“
Und dann machte sich ein wesentlicher, gravierender Standortnachteil bemerkbar: die Nähe zur den aggressiven, imperialistischen Vereinigten Staaten, welche die Kontrolle über den karibischen Raum und den interozeanischen Kanal in Mittelamerika erlangen wollten. Man sprach vom Yankee-Imperialismus, der als „Karibische Doktrin“ daher kam und vorgab, Leben und Interessen US-amerikanischer Bürger in Falle von Bedrohungen schützen zu müssen ... schon damals. Der faule Trick hat die Jahrhunderte überlebt. Auch Kuba wurde zu einem US-amerikanischen Protektorat, blieb bis 1902 von US-Truppen besetzt. US-ergebene korrupte Regime wurden aus Washington grosszügig gemästet, das probate Mittel, um die Amerikanisierung voranzutreiben. Durch diesen Caudillismo (Gesellschaftsveränderung durch einen eingespannten, bestochenen Herrscher) und korrupte Militärregime wurden Haiti und die Dominikanische Republik in den Ruin getrieben, was 1916 eine US-Intervention begünstigte, die bis 1934 andauerte. Haiti fiel in die Zustände einer offenen Diktatur zurück, nachdem 1957 François Duvalier („Papa Doc“), ein ehemaliger Landarzt, das Amt des Regierungschefs übernommen hatte. Niemand hatte erwartet, dass es ihm nur um eine persönliche Bereicherung durch eine diktatoriale Alleinherrschaft ging. Jeder Funke von Widerstand wurde von Duvalier brutal unterdrückt. Nach seinem Tod (1971) führte sein Sohn Jean-Clode („Baby Doc“), damals 19 Jahre alt, das Regime weiter, wurde von den USA durch massive Finanzhilfe gehätschelt, bis er 1986 aus dem Land vertrieben wurde und das Militär das Zepter übernahm.
 
Bei den Wahlen 1990 kam Jean-Bertrand Aristide ans Ruder, der 1991 von Brigadegeneral Raoul Cédras, ein grausamer Massenmörder, aus dem Amt geputscht wurde. Die USA intervenierten 1994 mit dem grossspurigen Namen Operation Uphold Democracy, liessen Aristide ohne grosse Begeisterung ins Amt zurückkehren – unter der Bedingung, dass er eine pro-amerikanische Politik nach Duvalier-Vorbild mache. Aristide war beliebt, gewann die Wahlen 2000 haushoch, war in vielen Teilen des Westens wegen seines ethischen Verhaltens in hohem Ansehen.
 
Er verliess 2004 das Land plötzlich – sicher nicht freiwillig. Die Gründe waren undurchsichtig; wahrscheinlich war ein von den USA inszenierter Putsch die Ursache – Aristide stand Fidel Castro näher als den Amerikanern. Die Rebellen sollen von der „Kubanisch-Amerikanischen Nationalstiftung“ (FNCA) finanziert worden sein. Zu einem ähnlichen Urteil gelangte die US-Kongressabgeordnete Maxine Waters nach einer Kurzvisite in Haiti. Fast alle Anführer der Rebellion hätten US-Pässe besessen und seien zum Aufstand nach Haiti eingeflogen worden. Ein ehrliche Politiker, der dem ausgeplünderten Staat hätte auf die Beine helfen können, wurde aus dem Amt gefegt, wahrscheinlich vor allem, weil er sich der US-Macht nicht bedingungslos unterwarf und unbestechlich war.
 
Haiti wurde nach diesem weiteren Schicksalsschlag zu einem zerfallenden Staat, von einer Übergangsregierung unter dem US-freundlichen René Préval geleitet, und seit 2004 versucht die Uno, eine gewisse Stabilität herbeizuführen, allerdings nicht mit durchschlagendem Erfolg. Die UN-Friedensmission MINUSTAH stationierte 6200 Blauhelme und 1288 Militärpolizisten in Port-au-Prince und Umgebung. Inflation und Hunger machten der Bevölkerung weiterhin zu schaffen. Und Naturkatastrophen verschärfen die ohnehin katastrophale Lage immer wieder. Dem jüngsten Erdbeben ist selbst das Uno-Hauptquartier zu Opfer gefallen.
 
Hölle statt Paradies
Auf der Grundlage einer furchtbaren Geschichte liessen die tektonischen und geografischen Verhältnisse (im US-Hinterhof) Haiti nur zu Frieden und zu Lebensgrundlagen kommen, die erträglich sind. Ausbeuter, Despoten, korrupte Diktatoren und die Nähe einer gewalttätigen Grossmacht schufen unbeschreibliche Zustände in einem Gebiet, wo durchaus paradiesische Zustände denkbar wären. Die Infrastruktur, die Gesundheitsversorgung und die Ernährungslage sind nach wie vor desolat. Und wenn die „NZZ“ am 15.10.2010 die Schuld dafür zwischen den Zeilen der Bevölkerung als solcher zuschanzt, tönt das wie Hohn: Kaum ein anderes Land hat sich so sehr an fremde Hilfe gewöhnt wie Haiti: ,m’pa kapab’, aus dem Französischen ,moi pas capable’, ist das kreolische Schlüsselwort, mit dem man zuverlässig Helfer herbeiruft. Selbsthilfe und Vorsorge haben in der haitianischen Denkweise einen geringen Stellenwert – das rächt sich bei jedem neu aufziehenden Unwetter.“
 
Was soll man von Menschen in einem chronisch destabilisierten Land an weitsichtiger Versorge verlangen, die seit Jahrhunderten nur ausgebeutet und unterdrückt wurden? Und wenn ich in den Nachrichten höre, dass die USA in einem Anfall von Hilfsbereitschaft 3500 schwer bewaffnete Soldaten und mehrere Kriegsschiffe, darunter auch den atomgetriebene Flugzeugträger „Carl Vinson“, nach Haiti geschickt haben, überfällt mich das kalte Grausen. Jetzt auch das noch: „Ausserdem wurden Obamas Vorgänger George W. Bush und Bill Clinton zur Unterstützung bei der Koordinierung der Hilfsanstrengungen gewonnen.“
 
Werden die Amerikaner in der Lage sein, sich auf Hilfe zu beschränken oder die Invasion benützen, ihre Macht in diesem Hinterhofsektor auf Dauer zu etablieren? Den Haitianern bleibt nichts, aber auch gar nichts, erspart.
*
Die Karibik kenne ich von Exkursionen auf Kuba, Barbados, Grenada und Tobago nur oberflächlich. Dort habe ich immerhin mit eigenen Augen gesehen, was die Natur an Wachstumskräften hervorbringt – aber natürlich auch an Zerstörungspotenzial. Von den Tropenwäldern Tobagos bin ich noch heute überwältigt. Was wäre aus Haiti, wo die klimatischen Bedingungen vergleichbar sind, geworden, hätte man die Arawak-Indianer und die Insel in Frieden gelassen? Sie hätten es verstanden, sich mit den Naturgewalten zu arrangieren: mit jenen, die wir als positiv und jenen, die wir als negativ, zerstörerisch empfinden. Erdbeben, Tropenstürme und sintflutartige Regenfälle wie im Mai 2004 in Haiti, bei denen rund 2000 Personen starben, würden sich weniger verheerend auswirken, und in einem natürlich und dicht überwachsenen Gebiet käme es nicht zu Schlammlawinen aus der gebirgigen Welt.
 
Wenn jetzt die armen Menschen aus der Not heraus zu Plünderern und wahrscheinlich von bewaffneten US-Soldaten niedergehalten werden, sollte man nicht vergessen, dass die wesentlichen Plünderungen nicht von armen, in tiefster Armut lebenden Haitianern, sondern von den Europäern ausgingen und dass die Ursache des Elends zu einem grossen Teil auch bei einem Nachbarn zu suchen ist, der einen Aufschwung zu unterbinden versteht, wenn immer man sich ihm nicht bedingungslos unterordnet. Das Drama dauert an.
 
Quellen
Gewecke, Frauke: „Die Karibik. Zur Geschichte, Politik und Kultur einer Region", Verviert Verlag, Frankfurt am Main 1988.
Wargny, Christophe: „Haiti. Jean-Bertrand Aristide. Plädoyer für ein geschundenes Land", Peter Hammer verlag, Wuppertal 1994.
 
Hinweis auf den Kuba-Reisebericht von Walter Hess
 
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